Dreamland

Veröffentlicht: März 11, 2011 in Persönliches
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Trügerisch dankbar beginnen jene Nächte, in denen der erlösende Schlaf nicht auf sich warten lässt. Das Tagewerk vollbracht, gar nicht mal so unzufrieden, vielleicht ein wenig zu aufgekratzt aber doch entspannt genug um einschlafen zu können, muss ich nicht lange warten, bis noch in der letzten Stunde des alten Tages die Lider schwer werden und die Gedanken, so denkt man, sich zur Ruhe betten.

Im Schlaf fehlt das Zeitgefühl, zum Glück, darum kann man wartende Zeit so gut verschlafen, denn sie verstreicht, ohne dass man etwas davon erfährt. Manchmal ist es aber auch anders herum: Man erwacht und es ist viel weniger Zeit vergangen als man annahm….

Es ist die Mitte der Nacht oder vielmehr: Nur ein Stündchen Dämmerschlaf brachten dem Körper das, wonach er schrie. Ein Stündchen nur, dann wälze ich mich – wachend?- herum und stelle fest: Ich bin nicht allein.

Wieder mal. Für besonders gastfreundlich halte ich mich nicht, aber auf meinen nächtlichen Besuch ist dann und wann verlass. Seine Definition von regelmäßig ist dehnbar; er hat mich schon lange nicht mehr besucht und nie zuvor in dieser Gestalt, aber so sahen wir uns heute Nacht wieder. Erwartungsgemäß.

Meine Verwunderung darüber, vermeintlich nicht allein zu sein ist schon gar nicht mehr so groß, wie der anfängliche Schock, die Bewegungsstarre, in die ich verfiehl, wenn eine mir wenig vertraute aber geschätzte Person plötzlich neben mir vermutet wird. Ich lerne – im Schlaf sozusagen – und weiss bereits, dass ein bisschen Egoismus erlaubt ist. Um mich nicht aufzuregen und weil es ohnehin viel zu spät ist meinen nächtlichen Besucher auf die Strasse zu setzen und weil ich es vermutlich auch gar nicht will, diskutiere ich still mit mir die Möglichkeiten aus, wie ich trotz der ungeplanten Gesellschaft sicherstellen kann, weiterschlafen zu können. Mein Besuch verhält sich bescheiden und rücksichtsvoll, er kann bleiben. Als hätte ich eine Wahl, treffe ich großtuerisch diese Entscheidung. Bleibt das Problem, dass ich nie an der Fensterseite schlafen kann, an der Türseite des Bettes aber die Bücher die Bettkante versperren. Die Idee, die Bücher umzuplatzieren kommt mir nicht, also diskutieren wir schweigend aus, dass ich weiterhin diagonal in meinem Bette liegen darf, der Gast fügt sich. Ein Unmensch will ich nicht sein, die Sonne dieser Woche hat mir schliesslich bewiesen, dass der Frühling nah ist, das Frieren nicht nötig, und großzügig trete ich eine meiner beiden Bettdecken nach rechts ab. Die Wärmflasche ist inzwischen kalt, mein Gemüt aber erhitzt genug. Wir haben uns arrangiert und ich schlafe wieder ein. Das deute ich als gutes Zeichen, denn erstmalig habe ich meinen Besuch akzeptiert, mit ihm interagiert und nicht die Nacht grübelnd und starr dargelegen um zu erörtern, woher er kommt. Er kommt, wenn er will, wenn ich es zulasse ungefragt und ist dann eben da. Er hat viele Namen, aber immer nur einen zur Zeit.

Ich schlafe, nicht fröstelnd, etwas beengt, kerzengrade auf meiner Bettseite, bis ich erwache. Es ist immer noch nicht Sarah Kane- Zeit („Umarmt sie die schönen Lügen – die chronische Unvernunft der Vernunft“), auch das Weckerklingeln  ist in weiter Ferne, mehr als 72 Minuten wache Klarheit werden mich plagen. Geisterstunde. Immer noch? Ich wundere mich nicht, hinterfrage es auch nicht, traue mich nur zum ersten Mal in meiner Traumhistorie dieser Begebenheiten mich zu meinem Mitschläfer umzudrehen, denn ich habe das Gefühl, er würde sich nicht stören lassen. Doch siehe da: Er ist weg. Ich bin allein.

Verdutzt und ungläubig stehe ich auf, unsicheren Schrittes torkeln meine müden Beine durch meine Wohnung, suchen, rufen den Namen, fragen sich, wie er mir, den ich nicht eingeladen hatte, nun ungebeten entschwinden konnte durch verriegelte Türen. Er ist nicht mehr da.

Plötzlich merke ich: Ich stehe in meinem Wohnzimmer. Es ist Mitternacht. Mein Bett ist verlassen. Die zweite Decke liegt fein säuberlich gefaltet auf der Fensterseite des Bettes. Ich bin allein. „[…]sofort ist mein Bewußtsein zur Stelle.[…] Aber mein Bewusstsein, nur durch eine dünne Wand getrennt, ist hellwach und kontrolliert mich. Während mein Körper schwankend durch die Morgendämmerung irrt, spürt er den Blick und den Atem meines Bewussteins ständig neben sich. Ich bin ein sich nach Schlaf sehnender Körper und ein Bewusstsein, das wach bleiben will.“ (Murakami – Schlaf)
Wenn ich eines inzwischen sicher weiss, dann ist es: Er wird wieder kommen und dann werde ich ihn fragen, warum er so plötzlich verschwand.

Wieder mal.

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