ausgelesen: Mirco Buchwitz – Nachtleben

Veröffentlicht: September 12, 2011 in Ausgelesen
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Mirco Buchwitz ist mir vor Jahren auf irgendeiner mir namentlich nicht mehr bekannten hannoveraner Lesebühne begegnet – ich erinnere mich daran, weil ich schon damals fand, dass der sprechende Name ein Geschenk für das, was er tat, war. An den Inhalt seiner Texte erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber an seine prägnante Stimme. Umso erstaunlicher ist es, dass ich nun gespannt auf seinen Roman gewartet habe, wo auf seiner Homepage mehrere Hörschnipsel zu bestaunen sind.

Nachtleben erzählt, alles andere als chronologisch, die Geschichte eines männlichen Menschen, der es vermutlich, wie man sagen würde, „nicht leicht gehabt hat“. Das Grundproblem seines Lebens, welches den Roman speist, ist meiner Idee nach der Mangel an eigenen Zielen und Idealen. Die Hauptperson stolpert von Lebensphase zu Lebensphase und wird vom sich behauptenden Kinderheimjungen über einen Idealismussportler zum Türsteher und schliesslich in allerhand verharmlosten Kleinkriminellenkreisen berüchtigt.

Nachtleben erzählt von damals, heute und dazwischen. Sprünge in den Jahren und die zahlreichen Namen samt dazugehöriger Geschichten sind mir etwas zu viel gewesen, oft brauchte ich ein paar Seiten um wieder zu wissen, wo in der Geschichte, so oder so, ich mich befand. Das hat das Lesen zwar etwas holpiger gemacht, aber da die Handlung meiner Meinung nach ohnehin ohne wirklichen Höhepunkt (böse könnte ich sagen: Das Leben des Richard kommt ohne aus) auskommen muss, stören kleine Stockereien nicht allzu sehr. Es lohnt, den Figuren durch ihr Leben zu folgen.

Wenn man liest, es gehe um Prostitution, Drogen, Liebschaften, etc, dann denkt man entweder an sehr abgedroschene oder stark pathetische Geschichten. Nachtleben schafft es, um beides einen Bogen zu machen, es hebt den Zeigefinger nicht und straft auch nicht mit kitschigem Happy End. Danke.

Besonders berührend war ein Part über einen „Freund“, einen „polotischen Flüchtling“, der gar nicht dorther kam, woher man annahm. Es zeigt sich, warum geflunkert wird um eigene Wege zugehen und Menschlichkeit dabei nicht vernachlässigt wird.

Der Leser wird eigentümlich allein gelassen mit der Entscheidung, ob er mit dem Protagonisten Mitgefühl oder Mitleid haben möchte oder ob er diesen nicht gaz ernst nehmen kann. Wie ein in die Welt geworfenes Riesenbaby merkt er nicht, wie andere seine Entscheidungen treffen. Mirco Buchwitz führt durch eine Geschichte voller Lügen und Traumbilder, die es sich zu lesen lohn, auch wenn Desilluion, Hilflosigkeit und Lähmung aus dem Hinterhalt der Seiten kreischen. Alles in allem eine lesenswerte Geschichte, die locker daherkommt und ausreichend Ernstes in sich birgt.

Wenn man in Gedanken in des Autors Stimme lesen möchte, kann man sich einen putzigen Ausschnitt auf zehnSeiten anhören. Aber ich warne davor, den Sprachtyp wird man in Gedanken nicht mehr los!

Mirco Buchwitz hat sich die Mühe gemacht zu Nachtleben Trailer zu gestalten. Ich gehöre zu Lesern, die sich von Filmen nicht zu Büchern bringen lassen, denn ich will lesen, nicht schauen. Auch käme ich nie auf die Idee, bei Amazon Trailervideos zu schauen statt einen Klappendeckel zu lesen; so sah ich auch den Trailer zu Nachtleben erst nach dem Buch beim Schreiben dieses Textes aus Angst, mir Bilder in den Kopf zu setzen, die beim Lesen nicht weggehen. Doch auch der Trailer ist entspannend vehüllt. Zeitgemäße Bilder und das bewusste Aussparen von Gesichtern machen auch diese Werbung vermutlich ganz tauglich.Warum also nicht: tut ja nicht weh.

Übrigens ist heute, da ich in der Bahn die letzten Seiten von Nachtleben las, passenderweise der Todestag von Johnny Cash.

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