ausgelesen (44): Der Seitensprung

Veröffentlicht: November 3, 2010 in Ausgelesen
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Buchcover

Der Seitensprung

Mit Karin Altvegens „Der Seitensprung“ las ich keinen aktuellen Roman, sondern ein Werk aus der zeitlichen Mitte Ihres Schaffens.

Dass sie mit Astrid Lindgren verwandt ist, spiegelt dieses Buch in seiner Rohheit und dreiseitigen Berechnung nicht wieder. Es fällt mir schwer zu sagen, ob es lesenswert ist oder nicht, es fällt mir sogar schwer, den Inhalt zusammenzufassen (man möge bedenken, dass ich vielleicht viel Handlung verraten werde, wenn weiterlesen erwünscht ist).

Kurz gesagt ist die Protagonistin eine grade noch imaginiert-glückliche aber plötzlich enttäuschte Frau, die nach und nach feststellt, von ihrem Mann seit langem betrogen worden zu sein. Was den Roman nun einzig interessant macht, ist die moralische Verarbeitung bzw. die Reaktion auf dieses Vergehen. Die Frau spielt Frau, und nicht mit offenen Karten. Das Leben der Gegenspielerin zu zerstören ist ihr Ziel, welches sie mir allen weiblichen Gefühlen und Tricks vollzieht.

Gleichzeitig sieht das verletzte Selbstwertgefühl eine Chance zum Wiederaufbau in eigenen sexuellen Abenteuern, die eher abenteuerlich als bereichernd enden. Hier wird die Handlung komplex und unrealistisch, denn der herangezogene Jüngling ist der Thrillerträger der Geschichte, erlöst von einer zerstörten Liebe fällt sein Wahn auf unsere Protagonistin. Richtige Spannung kommt nicht auf, aber dieses unrealistische Element trägt dennoch die Handlung voran, denn der Thrillerträger ist enttäuscht, dass Frau liiert ist und will wiederum deren Beziehung beenden, indem er dem Mann, der sich längst für eine Andere entschieden hatte,  von der vermeintlichen Affäre, die es so nie gab, berichtet. Kinder spielen auch eine Rolle und sind auf ihre Art für jede der drei Seiten Argumentations- und Legitimationsgrundlage.

Damit beginnt die eigentlich interessante Fragestellung des Romans, denn der Betrüger gerät ins Wanken da er zu erfahren glaubt, dass seine Frau ihn bereits zuvor hinterging. Damit wurde ihm, so scheint es, die Entscheidung abgenommen und der Reiz des anderen verflüchtigt sich. Er kämpft für Frau Nummer eins, der Thrillerträger manipuliert fleissig und jeder glaubt an seine Intrigen und nicht mehr dem anderen. Jeder folgt seiner ganz eigenen Auffassung dessen, was richtig ist und das Buch endet unbefriedigend (aber angemessen) ohne Happy End. Eine unnötige Geschichte, eine Handlung, die wenig reizt, aber eine Verpackung darstellt für die Fähigkeiten enttäuschter Liebender oder Entliebter, deren Stolz und Gewohnheiten beschnitten werden. Man hat fast etwas Sympathiemitleid mit dem Betrüger am Ende, der alles verlor – im falschen Glauben; und genau das ist interessant, denn: Müsste man nicht Genugtuung empfinden, dass sein Vergehen nicht ungestraft blieb?

Die eigene Moral ist eben auch wandelbar.

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Kommentare
  1. Ehebrecher verfolge ich mit der Leidenschaft des Alten Testamentes: Wenn ein Viertelpfund ihres Herzens dampfend in der Waagschale liegt, ist die Schuld beglichen. Und im vorliegenden Fall wurde Blutstropfen für Blutstropfen abbezahlt. Kein Grund also, dem Mann weiter gram zu sein. „Bringt ihn heim zu seiner Mutter. Ihr Sohn ist ihr neu geboren worden.“

  2. Würde ich vergeben wollen, hätte aber der Liebe nicht, wäre alles nichts. Vielleicht reicht ein Schätzlein von zehn großen Worten, sein Leben moralisch einwandfrei zu bestehen.

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